Der finanzielle Schaden des Klimawandels

Münchener Rückversicherung: Hagel und schwere Gewitter häufen sich - Klima-Experte: "Das Grundrauschen wird lauter" - Naturkatastrophen kosteten 74.000 Menschen das Leben

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Check-List Redaktion

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Kein verheerender Hurrikan, keine teure Sturzflut – und doch haben Naturkatastrophen 2023 nach Berechnungen der Münchener Rück 250 Mrd. Dollar (228 Mrd. Euro) Schaden angerichtet. “Die Schadenbilanz war im vergangenen Jahr vergleichbar mit den Vorjahren. Bemerkenswert ist aber, dass das ohne ein einzelnes Ereignis mit einem versicherten Schaden von mehr als zehn Milliarden Dollar zustande kam“, sagte der Chef-Klimawissenschaftler des weltgrößten Rückversicherers, Ernst Rauch.

2022 hatte allein der Hurrikan “Ian” Schäden von 100 Mrd. Dollar angerichtet, 60 Milliarden davon trugen die Versicherer. Im vergangenen Jahr bestimmten Unwetter und schwere Gewitter mit Hagel die Naturkatastrophen-Bilanz, vor allem in Nordamerika und Europa. Sie allein richteten 76 Mrd. Dollar Schaden an, 58 Mrd. Dollar davon waren versichert. “Wir müssen uns auf solche Schadenhöhen einstellen”, warnt Rauch. “Schadenereignisse, die man früher als sekundär angesehen hat, sind in der Summe zu einem wichtigen Schadentreiber geworden.” Das müssten auch die Rückversicherer, die die Erstversicherer gegen solche Katastrophen absichern, in ihren Preisen einkalkulieren.

Am Extremwetter schuld ist für Rauch auch der Klimawandel. Bis Ende November lagen die Temperaturen 2023 global 1,3 Grad über dem Wert aus der Zeit zwischen 1850 und 1900. “Die seit Jahren beschleunigte Erderwärmung verstärkt in vielen Regionen die Wetterextreme und damit das Schadenspotenzial. Bei höheren Temperaturen verdunstet mehr Wasser, und mit der zusätzlichen Feuchtigkeit steigt in der Atmosphäre die potenzielle Energie für starke Unwetter“, sagt der Klimaexperte. Das erklärt auch die jüngsten Überschwemmungen in Niedersachsen. “Weihnachtshochwasser gab es in Deutschland schon häufiger“, sagt Rauch. “Allerdings nehmen die Niederschläge im Winter in Mitteleuropa seit Jahrzehnten zu, während es im Sommer weniger werden.

Rauch setzt auf Prävention, etwa beim Bauen. Sonst drohten steigende Preise für Wohngebäudepolizzen. “Mit wachsenden Risiken steigen auch die Kosten für deren Absicherung.” Das sei auch ein soziales Thema, sagt der Forscher der Münchener Rück (Munich Re). “Ich halte es aber für sehr unwahrscheinlich, dass man sich als Hausbesitzer in Deutschland Naturkatastrophenschutz in absehbarer Zeit nicht mehr leisten kann“, gibt er Entwarnung. Die Prämien liegen meist bei niedrigen dreistelligen Summen pro Jahr. Zum Vergleich: In Hurrikan-Regionen etwa in Florida können die Prämien bei 5.000 bis 7.000 Dollar liegen.

Die teuerste Naturkatastrophe des Jahres war zugleich die tödlichste: das Erdbeben in der Türkei und in Syrien. 58.000 Menschen starben. Von den rund 50 Mrd. Dollar Schaden an Häusern, Straßen und Brücken waren nur 5,5 Milliarden durch Versicherungspolizzen abgedeckt, obwohl es in der Türkei eine Pflicht-Versicherung für Wohngebäude gibt. Insgesamt verloren 74.000 Menschen 2023 bei Naturkatastrophen ihr Leben, so viele wie seit dem Erdbeben 2010 in Haiti nicht mehr. Insgesamt lagen die Naturkatastrophen-Schäden 2023 mit 250 (2022: 250) Mrd. Dollar auf dem Durchschnittsniveau der vergangenen fünf Jahre, die versicherten Schäden mit 95 (2022: 125) Mrd. Dollar sogar um 10 Milliarden unter dem Fünfjahresschnitt.

Dabei hatten die Versicherer auch Glück: Einer der schwersten Hurrikane, “Idalia”, traf auf eine dünn besiedelte Region in Florida, viele andere erreichten nicht das Festland. Und in vielen Weltregionen ist die Versicherungsdichte gering: So blieben beim Taifun “Doksuri” in China, Vietnam und auf den Philippinen nur zwei Mrd. Dollar bei den Versicherern hängen – bei einem Gesamtschaden von 25 Milliarden. Der Hurrikan “Otis” richtete unter anderem im mexikanischen Badeort Acapulco 12 Mrd. Dollar Schaden an, nur ein Drittel davon waren versichert. 

APA/Red.

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