Essen aus Luft und Sonne

Finnisches Start-up will mit neuem Produkt Lebensmittelversorgung revolutionieren

┬ęunsplash
Check-List Redaktion

Check-List Redaktion

Das Pulver ist senfgelb und erinnert an gemahlene Kurkuma. Aber Solein, wie die staubfeine Erfindung hei├čt, ist keine Pflanze und auch kein Gew├╝rz. Vielmehr handelt es sich um ein Proteinpulver zur Erg├Ąnzung von Nahrungsmitteln, das aus Luft, Mikroben und Solarenergie hergestellt wird – und k├╝nftig als Grundlage f├╝r den Ersatz von Fleisch und andere Lebensmitteln dienen soll. Damit will ein finnisches Start-up die Ern├Ąhrungsversorgung revolutionieren und das Klima schonen.

In der Lebensmittelindustrie ist viel in Bewegung. Denn immer mehr Menschen w├╝nschen sich eiwei├čreiche Fleischersatzprodukte. Start-ups suchen nach Wegen, gleichzeitig klimafreundliche und gesunde Alternativen zu entwickeln. Essen aus Luft und Sonne – geht das? Das finnische Start-up Solar Foods arbeitet jedenfalls daran, mit seinem quasi aus dem Nichts erschaffenen Produkt die globale Ern├Ąhrungsversorgung zu revolutionieren und gleichzeitig das Klima zu sch├╝tzen. Das klingt zu sch├Ân, um wahr zu sein? In Singapur soll das Pulver bereits 2024 auf den Markt kommen – es w├Ąre das erste Land der Welt.

Solein braucht keine Landwirtschaft und wird gleichzeitig als Ersatz f├╝r Eiwei├člieferanten wie Fleisch, Milch, Sojabohnen oder Linsen gepriesen. Eine neuartige Alternative zu tierischem oder pflanzlichem Eiwei├č also. Nach Unternehmensangaben enth├Ąlt es 65 bis 70 Prozent Eiwei├č, 10 bis 15 Prozent Ballaststoffe, 5 bis 8 Prozent Fett und 3 bis 5 Prozent Mineralstoffe sowie Eisen und B-Vitamine.

Den Geschmack von Lebensmitteln ├Ąndert es offenbar kaum: Dem Pulver wird ein zarter Umami-Geschmack nachgesagt, was oft mit “w├╝rzig” verglichen wird.

Aber wie funktioniert das? “Im Grunde so wie eine Brauerei”, sagt Pasi Vainikka, Mitgr├╝nder und Gesch├Ąftsf├╝hrer von Solar Foods, der Deutschen Presse-Agentur. Das Verfahren ├Ąhnele dem Fermentationsprozess, der zur Herstellung von Wein oder Bier verwendet werde. Aber anstelle von Zucker ern├Ąhrten sich die Bakterien unter Einsatz von erneuerbarem Strom vor allem von Kohlendioxid, gel├Âstem Wasserstoff und Stickstoff.

Damit w├╝rden sie “gef├╝ttert”, um Aminos├Ąuren, Vitamine, Fette und Kohlenhydrate zu bilden. “Wenn es an der Zeit ist, das Solein zu ernten, wird das ├╝bersch├╝ssige Wasser entfernt und es wird zu einem proteinreichen Pulver getrocknet, ohne dass dabei Pflanzen oder Tiere gesch├Ądigt werden”, hei├čt es auf der Webseite.

Was aber sind die Vorteile gegen├╝ber der Landwirtschaft? “Die konventionelle Lebensmittelproduktion verschwendet Ressourcen wie Wasser, Chemikalien und Tierfutter in einem nicht nachhaltigen und unvern├╝nftigen Ausma├č”, schreiben die finnischen T├╝ftler. F├╝r ihr Produkt werde nur ein Bruchteil dieser Ressourcen ben├Âtigt, um die gleiche Menge Eiwei├č zu gewinnen. Das Verfahren sei auch 20-mal effizienter als die Photosynthese, mit der Pflanzen Energie in Nahrung umwandeln.

Die erste Solein-Fabrik entsteht gerade im finnischen Vantaa. Die kommerzielle Produktion soll voraussichtlich im kommenden Jahr beginnen. “In Singapur wird es dann in ausgew├Ąhlten Restaurants angeboten werden”, sagt Vainikka. Zuerst noch in limitierter Form, bis die Produktion richtig in Gang komme.

Die s├╝dostasiatische Wirtschaftsmetropole sei der “perfekte Hub”, um das neue Produkt zu testen, ist Vainikaa ├╝berzeugt. Dass die beh├Ârdliche Genehmigungszeit k├╝rzer gewesen sei als in anderen L├Ąndern, habe schlicht mit der gro├čen Effizienz des Stadtstaates zu tun. Solar Foods erwarte aber, dass andere M├Ąrkte bald folgen werden, darunter die Europ├Ąische Union, Gro├čbritannien und die USA.

Das nordische Jungunternehmen ist nicht das einzige, das die Lebensmittelindustrie dank nachhaltiger Cleantech-Produkte revolutionieren will. ├ähnlich arbeitet die Firma Air Protein aus den USA, die statt eines Pulvers fertige Fleischersatzprodukte herstellt, ebenfalls mittels “Luft-Fermentation”. Das britisch-niederl├Ąndische Start-up Deep Branch hat “Proton” entwickelt – ein proteinreiches Pulver aus CO2 f├╝r die Tierfutter-Industrie.

Die Macher lie├čen sich vom Raumfahrtprogramm der NASA in den 1970er-Jahren inspirieren: Bereits damals suchten Forscher nach einem Weg, Elemente in der Luft, die die Astronauten einatmeten, in Protein umzuwandeln. Der Prozess wurde ad acta gelegt und vergessen – bis jetzt.

Bei all diesen innovativen Ans├Ątzen geht es ums Eiwei├č und um Alternativen gerade zu tierischen Produkten, die ganz oben auf der Liste proteinreicher Lebensmittel stehen – vor allem Milchprodukte, Eier und Fleisch. “Protein ist ein wichtiger Makron├Ąhrstoff und ein wesentlicher struktureller Bestandteil unserer Zellen”, erkl├Ąrt Kim Jung Eun vom Department f├╝r Lebensmittelwissenschaften und -technologie der Universit├Ąt Singapur.

Eiwei├č ist f├╝r den K├Ârper sehr wichtig: Da dieser keinen Eiwei├čspeicher besitzt, m├╝ssen die Zellen regelm├Ą├čig mit dem Makromolek├╝l versorgt werden. Erwachsenen unter 65 Jahren wird eine Zufuhr von t├Ąglich 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm K├Ârpergewicht empfohlen. Ben├Âtigt wird Eiwei├č unter anderem zum Aufbau von Muskeln, Knochen, Haut und Haaren, aber auch von Enzymen und Hormonen sowie f├╝r ein gesundes Immunsystem. Vegetarier und Veganer greifen vor allem auf H├╝lsenfr├╝chte, Gem├╝se wie Brokkoli, Chia-Samen oder Quinoa als Eiwei├člieferanten zur├╝ck.

“Schon heute ist die Proteinversorgung in vielen Regionen der Welt nicht gew├Ąhrleistet, Klimawandel und Bev├Âlkerungswachstum werden dieses Problem weiter versch├Ąrfen”, sagt Proteinforscherin Isabel Muranyi vom Fraunhofer-Institut f├╝r Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising. “Ich denke, der konventionelle Anbau sollte in Zukunft verst├Ąrkt durch geschlossene Systeme erg├Ąnzt werden.” Vorteile von Bakterien im Vergleich zu Mikroalgen seien die hohe Produktausbeute und die klimaunabh├Ąngige Herstellung. Gefahren solcher Techniken sehe sie nicht, solange sichergestellt sei, dass keine giftigen Stoffe entst├╝nden. Menschen mit Neigungen zu Allergien sollten aber vorsichtig sein.

Eiwei├č, das aus Luft und ├ľkostrom entsteht, ist etwas ganz Neues. In der Lebensmittelindustrie ist einiges in Bewegung – ob dies die Ern├Ąhrung der Welt wirklich revolutionieren wird, bleibt abzuwarten.

APA/Red.

Beitrag teilen

Facebook
Twitter
LinkedIn
Telegram
WhatsApp
Email

Aktuelle Augabe

Nach oben scrollen
Cookie Consent mit Real Cookie Banner