Gletscher in Gefahr

Ausweitung des Ruhegebiets "Ötztaler Alpen" bei Tiroler Landesregierung beantragt

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Check-List Redaktion

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Die Naturschutzverbände WWF, Naturfreunde, Österreichischer Alpenverein (ÖAV) sowie Deutscher Alpenverein (DAV) machen in Sachen Gletscherschutz mobil. Sie beantragten bei der Tiroler Landesregierung aus ÖVP und SPÖ die Ausweitung des Ruhegebiets “Ötztaler Alpen” und damit die Unterschutzstellung der “größten zusammenhängenden Gletscherfläche Österreichs rund um die Weißseespitze und den oberen Bereich des Gepatschferners”, wie es in einer Aussendung am Donnerstag hieß.

Kritik an Lift-Ausbauplänen im Kaunertal

Damit einher ging ein – wenig überraschendes – “Nein” zu Lift-Ausbauplänen im Kaunertal, wo das Skigebiet Kaunertaler Gletscher auf “große Bereiche des Gepatschferners” erweitert werden soll, kritisierten die Naturschützer. “Die Ausweisung als Ruhegebiet würde einen verbindlichen Schutz und die langfristige Erhaltung dieses unerschlossenen Naturraumes und der unter Druck stehenden Ökosysteme bedeuten. Die Unterschutzstellung wäre hier der richtige Schritt in Richtung konsequentem Gletscherschutz“, wurde unisono verlautbart.

Der Gepatschferner bilde eines der wenigen Gebiete in den Alpen, die dem Charakter einer Wildnis am nächsten kommen, argumentierten die vier Organisationen. “Diese großen zusammenhängenden Ökosysteme sind für die teils bedrohten Tier- und Pflanzenarten insbesondere in Zeiten der Klima- und Biodiversitätskrise von großer Bedeutung – und werden in Zukunft noch bedeutender sein“, meinte WWF-Programmleiterin Hanna Simons. Die Pläne für eine skitechnische Erschließung des oberen Gepatschferners würden “Zukunftsperspektiven für einen naturnahen Tourismus verbauen“, stimmte DAV-Präsident Roland Stierle mit ein.

Der scheidende ÖAV-Präsident Andreas Ermacora wies indes auf den zunehmenden Rückzug der Gletscher hin. Im Zeitraum von 1999 bis 2019 habe der Gepatschferner über die gesamte Fläche gemittelt 17 Meter an Eismächtigkeit verloren, das entspreche etwa 80 Zentimetern pro Jahr. “Durch die ständigen Landschaftsveränderungen wäre es mit dem Liftbau alleine also nicht getan. Jeden Sommer wären Eingriffe und technische Maßnahmen auf dem Gletscher und in den Randbereichen nötig, um überhaupt eine Pistenpräparierung und Skibetrieb im Winter zu ermöglichen. Dann heißt es ‘Dauerbaustelle statt Naturerlebnis“, warnte Ermacora.

Was die Ausbaupläne am Kaunertaler Gletscher betrifft, sind dort eine neue Bahn und 13 Hektar neue Pisten vorgesehen. Wie die “Tiroler Tageszeitung” berichtete, werde wohl eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) notwendig sein. Bis Februar solle eine endgültige Entscheidung fallen.

Kampf für Gletscherschutz und strengere Maßnahmen

Unterdessen wurde von den vier Verbänden auch eine über den Antrag hinausgehende Forderung an die Tiroler Landesregierung deponiert. Sie betonen, dass die Ötztaler Alpen seit 1981 als “Ruhegebiet Ötztaler Alpen” gelten und technische Entwicklungen dort eigentlich untersagt sind. Infrastrukturelle Projekte wie Seilbahnen oder Straßen sind in solchen Ruhegebieten grundsätzlich nicht erlaubt. Das Tiroler Naturschutzgesetz schützt prinzipiell alle Gletscherflächen und verbietet technische Entwicklungen. Jedoch gebe es eine Ausnahme: Im Jahr 2005 habe man in Tirol den allgemeinen Gletscherschutz gelockert und weise im so genannten “Gletscherschutzprogramm” Ausnahmeflächen aus, um die Erweiterung von Gletscherskigebieten zu ermöglichen.

Deshalb fordern die Verbände auch eine Aufhebung dieser Ausnahmeregelung. “Eine langfristige Lösung des Problems müsste sonst eine entsprechende Neufassung des Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramms sein“, erklärte Leopold Füreder, der Tiroler Vorsitzende der Naturfreunde Österreich.

Da das aktuelle Seilbahnprogramm nächstes Jahr ausläuft, wird derzeit über ein neues diskutiert, welches mit Mitte 2024 stehen soll. Umweltverbände und Oppositionsparteien wie Liste Fritz und die Grünen verlangen strengere Maßnahmen, darunter einen absoluten Gletscherschutz und klare Grenzen für den Ausbau von Skigebieten. Die schwarz-roten Koalitionspartner haben versichert, dass es keine neuen Skigebiete geben wird, auch keine bei Gletschern, wie Landesrat Mario Gerber (ÖVP) betonte. Eine “qualitätsvolle Weiterentwicklung am Berg” soll jedoch möglich bleiben. SPÖ-Landeshauptmannstellvertreter Georg Dornauer unterstützt den Schutz der Gletscher, will aber eine maßvolle Entwicklung der touristischen Infrastruktur ermöglichen. Dornauer bekundete Unterstützung für den Gletscherschutz, ohne die aktuellen Schutzverordnungen zu ändern.

APA/Red.

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