Die Erde steuert auf einen Eis-Kollaps zu
Selbst wenn die Erderwärmung später wieder sinkt, könnten Gletscher, Polkappen und Permafrost bereits dauerhaft geschädigt sein.
Selbst wenn die Welt die Erderwärmung nach einer zeitweisen Überschreitung wieder unter die Marke von 1,5 Grad senkt, könnten große Teile der globalen Eisvorkommen unwiederbringlich verloren sein. Ein neuer Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP und der International Cryosphere Climate Initiative (ICCI) warnt vor langfristigen Schäden an Gletschern, Polkappen und Permafrost. Die Folgen reichen weit über die Polarregionen hinaus und betreffen auch die Wasserversorgung, die Stabilität von Gebirgsregionen und den weltweiten Meeresspiegel.
Das Eis reagiert schneller als gedacht
Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens gilt nach Einschätzung der Vereinten Nationen zumindest zeitweise als kaum noch vermeidbar überschritten. Dieses sogenannte „Overshoot“-Szenario beschreibt eine Phase, in der die globale Durchschnittstemperatur über dem vereinbarten Grenzwert liegt, bevor sie durch drastische Emissionsreduktionen und den Entzug von CO₂ aus der Atmosphäre wieder sinken soll.
Doch für die Kryosphäre, also sämtliche gefrorenen Wasserreserven der Erde, könnte selbst eine vorübergehende Überschreitung schwerwiegende Konsequenzen haben. Der Bericht, an dem rund 80 Wissenschaftler mitgewirkt haben, zeigt, dass viele Schäden auch bei einer späteren Rückkehr zu niedrigeren Temperaturen bestehen bleiben würden. Gletscherverluste und der damit verbundene Meeresspiegelanstieg lassen sich nicht einfach rückgängig machen. Manche Systeme benötigen Jahrhunderte oder Jahrtausende, um sich zu erholen.
Wie stark die Entwicklung bereits vorangeschritten ist, zeigt der Blick auf die großen Eisschilde Grönlands und der Antarktis. Sie verlieren heute rund sechsmal schneller Eis als noch in den 1990er-Jahren. Auch das Meereis reagiert empfindlicher als lange angenommen und erholt sich langsamer.
Auch die Alpen stehen vor drastischen Verlusten
Besonders deutlich werden die möglichen Folgen beim Blick auf die Gebirgsgletscher. Unter den derzeitigen klimapolitischen Rahmenbedingungen, die laut Bericht auf eine Erwärmung von rund 2,8 Grad hinauslaufen, könnte die verbleibende Eismasse in den Alpen, den Rocky Mountains, Island und Skandinavien auf weniger als zehn Prozent des heutigen Bestands schrumpfen. Selbst bei einer Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad würden in diesen Regionen langfristig nur etwa 20 bis 35 Prozent der heutigen Gletschermasse erhalten bleiben.
Der Verlust betrifft nicht nur das Landschaftsbild und den Tourismus. Gletscher und Schneedecken sind wichtige Wasserspeicher. Ihr Rückgang kann die Verfügbarkeit von Wasser erheblich verändern und das Risiko von Naturkatastrophen erhöhen. Dazu zählen Eis- und Gerölllawinen, Hangrutschungen und Überschwemmungen. Auch die Stabilität von Siedlungen und Infrastruktur ist gefährdet.
Eine weitere Gefahr geht vom tauenden Permafrost aus. Gefrorene Böden speichern große Mengen organischen Kohlenstoffs. Beim Auftauen werden zusätzliche Treibhausgase freigesetzt, die die Erderwärmung weiter antreiben. Gleichzeitig verlieren Gebirgshänge und Böden ihre Stabilität.
Die Rückkehr unter 1,5 Grad reicht nicht
Die Wissenschaftler halten deshalb eine möglichst kurze Phase oberhalb der Pariser Klimaziele für entscheidend. Selbst eine spätere Abkühlung auf 1,5 Grad würde zahlreiche Verluste nicht mehr verhindern. Für die langfristige Stabilität der polaren Eisschilde könnte die kritische Temperaturschwelle sogar näher bei einem Grad globaler Erwärmung liegen.
Der Bericht fordert daher nicht nur eine rasche Reduktion der Treibhausgasemissionen, sondern langfristig auch eine deutliche Absenkung der globalen Temperaturen. Dafür müsste der Atmosphäre mehr CO₂ entzogen werden, als gleichzeitig neu ausgestoßen wird. Als langfristige Orientierung nennen die Wissenschaftler eine Rückkehr auf unter ein Grad Erwärmung bis zum Jahr 2150.
Die Botschaft ist deutlich: Ein zeitweiliges Überschreiten der Klimaziele ist kein kalkulierbarer Umweg, nach dem sich der ursprüngliche Zustand wiederherstellen lässt. Für große Teile der Kryosphäre könnte die Entwicklung längst unumkehrbar sein.
(red)



