Hitze und Trockenheit stoppen das Waldwachstum
Wälder stehen unter Klimastress und wachsen langsamer, selbst wenn die Vegetationsperiode länger wird.
Der Klimawandel verändert nicht nur unsere Wetterlagen, sondern auch das Wachstum der Wälder – und zwar in einer Weise, die viele Beobachter überrascht: Trotz eines früheren Vegetationsbeginns produzieren Schweizer Bäume heute weniger Holz als noch vor einem Jahrzehnt. Das geht aus einer aktuellen Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hervor.
Früher Start – aber weniger Wachstum
Die Daten zeigen, dass der Beginn des Stammwachstums in den vergangenen zehn Jahren um mehrere Tage nach vorne gerückt ist, in manchen Jahren sogar um zwei bis drei Wochen im Vergleich zu Beginn der 2000er-Jahre. Ein früherer Frühling hätte theoretisch mehr Zeit für Wachstum bedeuten sollen – doch diese zusätzliche Zeit wird nicht genutzt. Stattdessen verzeichnen die untersuchten Baumarten insgesamt einen rückläufigen oder stagnierenden Zuwachs an Stammdurchmesser. Bei Eichen und Föhren blieben die Zuwächse über die Jahre konstant, während Fichten, Weißtannen und Buchen sogar weniger Holz ansetzten als zuvor.
Hitze und Trockenheit als Wachstumsbremse
Der Grund für diese paradoxe Entwicklung liegt im Wasserhaushalt der Bäume. Entscheidend für das Wachstum ist nicht die Länge der Vegetationsperiode, sondern die Anzahl der Tage, an denen tatsächlich Stammzuwachs stattfinden kann. Und diese Tage sind rar – pro Jahr wachsen Bäume je nach Art oft nur an 40 bis 110 Tagen. Hitze- und Trockenphasen, die durch den Klimawandel zunehmen, haben zur Folge, dass Wasserdampf schneller verdunstet als Bäume ihn über ihre Wurzeln aufnehmen können. Unter diesen Stressbedingungen verlangsamt oder stoppt das Wachstum, auch wenn der Frühling früher beginnt.
Folgen für Klima und Waldwirtschaft
Die Auswirkungen dieses verringerten Wachstums sind weitreichend. Ein geringerer Zuwachs beim Stammdurchmesser bedeutet nicht nur weniger Holz, sondern auch eine reduzierte Fähigkeit der Wälder, CO₂ zu binden und damit aktiv der Erderwärmung entgegenzuwirken. Wälder gelten als einer der wichtigsten natürlichen Kohlenstoffspeicher – doch wenn ihr Wachstum abnimmt, schwindet ihre Fähigkeit, CO₂ aus der Atmosphäre zu filtern. Auch die Forstwirtschaft steht vor Herausforderungen: Wärmere und trockenere Sommer können zu geringeren Ernteerträgen führen und erfordern Anpassungen bei Bewirtschaftung und Schutz der Wälder.
Warnsignal des Waldes
Die Studie ist ein deutliches Signal dafür, dass ein früherer Frühling allein nicht ausreicht, um den wachsenden Druck durch den Klimawandel auszugleichen. Wälder reagieren sensibel auf Wasserstress, und wenn Hitzeperioden und Trockenheit weiter zunehmen, könnten die Ökosysteme dauerhaft geschwächt werden. Für Experten ist klar: Neben der Eindämmung von Treibhausgasemissionen sind adaptive Schutzmaßnahmen für Wälder und angepasste forstwirtschaftliche Strategien notwendig, um die Rolle der Wälder als Klimaschützer auch in Zukunft zu sichern.
(red)