Kinderköpfe beklagen Unterversorgung

Psychische Störungen bei Jugendlichen nehmen zu, Corona soll schuld sein – doch das System streikt.

29.08.2025 14:20
Redaktion
© Adobe

Der aktuelle Rechnungshofbericht hält unmissverständlich fest: Österreich leidet an einer eklatanten Unterversorgung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zu wenige Fachärzte, zu lange Wartezeiten, zu wenig Struktur. 2022 suchten rund 37.000 Kinder und Jugendliche psychologische oder psychotherapeutische Hilfe – mehr als das System aufnehmen konnte.

Für 2023 und 2024 fehlen präzise Zahlen, doch die Rekordwerte bei stationären Aufenthalten lassen nur einen Schluss zu: Der Bedarf steigt weiter. Offiziell heißt das „Unterversorgung“ – in Wahrheit zeigt es, dass Kinderköpfe schon lange gegen ein löchriges System anlaufen.

Corona als Brandbeschleuniger

War es Corona? Ja – aber nicht allein. Die Pandemie wirkte wie ein Brandbeschleuniger: Isolation, Homeschooling, weggefallene Freundeskreise. Doch auch ohne Lockdowns wäre das Netz nicht tragfähig gewesen. Schon 2014 kam weniger als die Hälfte der Betroffenen überhaupt in Behandlung. Die Krankheitsspirale hat also einen langen Vorlauf, die Pandemie machte nur sichtbar, was schon brannte.

Die wahre Rechnung

Ob 37.000 oder 50.000 Fälle – entscheidend ist, dass die Kapazitäten hinten und vorne nicht reichen. 437 stationäre Betten und 138 teilstationäre Plätze (Stand Juni 2022) für insgesamt 1,64 Millionen Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren – das ist die Versorgungslage in Österreich. Hinzu kamen damals gerade einmal 38 Kassenordinationen für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Zahlen, die schockieren

Der Rechnungshof führt klar aus:

  • 2014 befand sich weniger als die Hälfte aller psychisch erkrankten Kinder in Behandlung. Konkrete Zahlen fehlten damals.
  • 2022 gab es erstmals eine genauere Erhebung: Rund 37.000 Kinder und Jugendliche nahmen psychologische oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch.
  • Im selben Jahr standen nur 575 Plätze (stationär + teilstationär) für die gesamte Altersgruppe bereit. Das entspricht 0,35 Betten pro 1.000 Kinder und Jugendliche – weit unter den internationalen Richtwerten.
  • Im ersten Halbjahr 2024 wurden in Österreich so viele stationäre Aufenthalte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gezählt wie in keinem Halbjahr seit 2019. Der Trend ist eindeutig: Es wird mehr behandelt, aber noch mehr bleibt unversorgt.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Zwar wurden 2024 einige Neuerungen geschaffen – darunter 5 multidisziplinäre Ambulatorien, 5 zusätzliche Kassenordinationen, 2 Tageszentren und 5 mobile Home-Treatment-Teams. Doch das ändert wenig am Grundproblem: Zu viele Kinder brauchen Hilfe, zu wenige erhalten sie rechtzeitig. Wartezeiten von drei Monaten sind in Wien Standard.

(PA/red)

Beitrag teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Weitere Themen