Lebensmittel-Preisradar schönt die Teuerung
Das neue Online-Tool von Statistik Austria verpackt Bewegungen bei Lebensmittelpreisen in flache Kurven.
Lebensmittelpreise beschäftigen viele Haushalte seit Jahren. Die gefühlte Teuerung ist hoch, besonders bei Produkten des täglichen Bedarfs. Mit dem neuen „Preisradar“ will Statistik Austria nun zeigen, wie sich Preise tatsächlich entwickeln – übersichtlich, vergleichbar und datenbasiert. Der Anspruch ist hoch. Der praktische Nutzen ebenfalls. Doch ein genauer Blick zeigt: Das Tool erklärt Preisbewegungen – nicht unbedingt Preisrealität.
Was das Preisradar leistet
Das Preisradar erlaubt es, Preisentwicklungen über längere Zeiträume zu verfolgen – allerdings erst ab Jänner 2023. Nutzer können einzelne Produkte oder ganze Produktgruppen auswählen und sehen, wie sich Medianpreise, Preisbänder und Indizes verändern. Damit lassen sich Schwankungen erkennen, etwa saisonale Effekte, Aktionszeiträume oder allgemeine Marktbewegungen innerhalb dieses Zeitraums.
Für den Überblick ist das hilfreich. Wer wissen will, ob sich Preise seit 2023 bewegen und wann Ausschläge auftreten, bekommt eine fundierte Ansicht. Auch Vergleiche zwischen Produktgruppen oder mit anderen Ländern sind möglich.
Wo die Vergleichbarkeit brüchig wird
Problematisch wird es dort, wo Konsumenten versuchen, die dargestellten Kurven auf ihren eigenen Einkauf umzulegen. Denn die Systematik ist uneinheitlich:
- mal werden Stückpreise,
- mal Kilopreise,
- mal 100-Gramm-Referenzen,
- dann wieder 250-Gramm-Packungen herangezogen.
Hinzu kommt, dass Einzelprodukte, Handelsformate und Qualitäten zusammengeführt werden – ohne dass dies intuitiv einordenbar wäre. Marken spielen keine Rolle, saisonale Aktionspreise fließen ein, ebenso günstige Eigenmarken.
Das alles ist wohl statistisch korrekt, führt aber zu einem Bruch zwischen Datenlogik und Alltagswahrnehmung. Denn Konsumenten kaufen nicht „den Median“, sondern ein konkretes Produkt in einer bestimmten Packungsgröße.
Der gefühlte Preisschock
Viele Menschen haben den Eindruck, dass Lebensmittelpreise teilweise um 30, 40 oder gar 50 Prozent teurer sind als noch vor wenigen Jahren. In den Grafiken des Preisradars ist davon visuell wenig zu sehen.
Der Grund liegt in der Darstellung: Medianwerte glätten Ausreißer, Preisbänder nivellieren Spitzen, Indizes abstrahieren die tatsächliche Belastung in Euro. Ein Index von 105 oder 110 sagt wenig darüber aus, ob ein Produkt früher 1,60 Euro und heute 2,40 Euro kostet.
Das Ergebnis: Die Kurven zeigen Bewegung, aber keine klare Verteuerung – zumindest nicht in der Form, wie sie im Alltag wahrgenommen wird. Wenn ein Preis zwischen 2 und drei Euro pendelt, sieht das auf und ab visuell betrachtet nach wenig aus.
Produktgruppen nur lose verwandt
Noch deutlicher wird der Effekt bei Produktgruppen. Dort treffen unterschiedliche Qualitäten, Herkunftsländer, Verpackungen und Handelsstufen aufeinander. Die Kurven wirken ruhig, teilweise sogar rückläufig – während viele Konsumenten das Gegenteil erleben.
Das Preisradar misst also nicht die persönliche Teuerung, sondern eine statistische Entwicklung über viele Waren hinweg. Beides ist legitim, aber nicht deckungsgleich.
Was Konsumenten aus dem Tool mitnehmen können
Das Preisradar eignet sich gut, um relative Preisbewegungen zu beobachten: Wann steigen Preise? Wann beruhigen sie sich? Gibt es auffällige Ausschläge? Es eignet sich weniger, um die eigene Kaufbelastung zu erklären oder das individuelle Teuerungsgefühl zu überprüfen. Wer wissen will, ob Preise schwanken, findet hier Antworten. Wer wissen will, warum der Einkauf spürbar teurer geworden ist, muss weiterhin selbst vergleichen – im Supermarkt, bei der gewohnten Packung, am eigenen Kassenzettel.
Preissprünge bei Lebensmitteln glatt gestrichen
Das Preisradar schafft Transparenz auf Datenebene. Die Lebensrealität der Konsumenten bildet es nur indirekt ab, da prozentuelle Preissteigerungen hier nicht deutlich genug sichtbar gemacht werden und der Beginn der Zeitrechnung – Jänner 2023 – wohl sehr bewusst gewählt wurde. Damit setzt die Darstellung nach jener Phase ein, in der die massivsten Preissprünge bei Lebensmitteln stattgefunden haben.
Die Lücke zwischen Statistik und Alltag wirkt angesichts der Datenlage befremdlich. Denn die Zahlen zeigen deutlich, dass vieles teurer geworden ist. Man braucht nur ein paar Jahre weiter zurückschauen – zumindest bis 2020. Ein echter Preisradar sollte das aufzeigen können.
(APA/red)