Traktoren gegen Mercosur: Warum Österreich nachgab

Bauern protestieren gegen Mercosur und Österreich war lange dagegen doch am Ende setzte sich die EU durch.

12.01.2026 11:42
Redaktion
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Die Flaggen der Mercosur Gruppe

95 Traktoren zwischen Neusiedl am See und Parndorf, dazu Proteste in Irland, Frankreich und Belgien: Die Demonstrationen gegen das EU-Mercosur-Abkommen zeigen, wie groß die Nervosität in Europas Landwirtschaft ist. Während alles ruhig blieb, war die Botschaft laut. Viele Bauern sehen ihre Existenz bedroht – nicht durch Wetter, Klima oder Energiepreise, sondern durch Handelspolitik.

Was hinter dem Mercosur-Abkommen steckt

Das Abkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Wirtschaftsblock Mercosur – bestehend aus Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay – ist eines der größten Freihandelsprojekte der Welt. Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen einigten sich die EU-Staaten Anfang Jänner 2026 mehrheitlich auf den Vertrag, die Unterzeichnung ist für den 17. Jänner in Paraguay vorgesehen.

Kern des Abkommens ist der Abbau von Zöllen. Die EU will vor allem Autos, Maschinen und Chemieprodukte exportieren. Im Gegenzug sollen deutlich mehr landwirtschaftliche Produkte nach Europa kommen – darunter Fleisch, Zucker, Soja und Ethanol.

Warum Bauern Sturm laufen

Besonders brisant ist die geplante Quote von bis zu 99.000 Tonnen zusätzlichem Rindfleisch, das zollbegünstigt aus Südamerika in die EU importiert werden darf. Für viele Landwirte ist das eine Kampfansage. Südamerikanische Produzenten arbeiten mit niedrigeren Kosten, anderen Tierwohl- und Umweltstandards und teilweise mit Pflanzenschutzmitteln, die in der EU verboten sind.

Die Sorge: Europäische Bauern müssen immer strengere Auflagen erfüllen, während gleichzeitig billigere Importware den Markt erreicht. Genau dieses Spannungsfeld treibt derzeit Tausende Landwirte auf die Straße – nicht nur in Österreich.

Österreichs jahrelanges Nein

Österreich zählte lange zu den härtesten Gegnern des Abkommens. Die Argumente waren klar: Schutz der kleinstrukturierten Landwirtschaft, hohe Lebensmittelstandards, Klimaschutz und die Sorge vor zusätzlicher Abholzung im Amazonasraum. Über Jahre hinweg blockierte Wien den Deal gemeinsam mit Ländern wie Frankreich und Irland.

Innenpolitisch war dieses Nein leicht vermittelbar. Bauernbund, Landwirtschaftskammer und breite Teile der Politik standen geschlossen dagegen. Auch Österreichs größte Zeitung fuhr jahrelang eine Kampagne, um das Abkommen zu vereiteln. Mercosur galt als rotes Tuch – wirtschaftlich, ökologisch und emotional.

Warum Österreich am Ende einknickte

Der Umschwung kam nicht aus Überzeugung, sondern aus Anpassung an die politische Realität. Für Handelsabkommen ist keine Einstimmigkeit erforderlich. Als klar wurde, dass eine qualifizierte Mehrheit zustande kommt, verlor Österreich sein wirksamstes Druckmittel – und damit auch die Ambition, den Deal noch aufzuhalten.

Gleichzeitig wuchs der wirtschaftliche Druck. Vor allem große EU-Industrien – vom Automobilsektor bis zur Chemie – drängten auf das Abkommen. Mercosur gilt als strategisch wichtiger Wachstumsmarkt und als geopolitisches Gegengewicht zu China. Auch Österreichs Industrie profitiert indirekt über europäische Lieferketten.

Hinzu kommt, dass die EU-Kommission politische Zusatz- und Nachhaltigkeitserklärungen vorlegte. Sie sollen Umwelt- und Sozialstandards absichern, sind rechtlich jedoch nur eingeschränkt bindend. Kritiker sprechen von Beruhigungspillen statt von harten Garantien. Dennoch lagen damit Zusagen auf dem Tisch, die ein kategorisches Nein weiter erschwerten.

Am Ende blieb den österreichischen Vertretern die Wahl zwischen Isolation oder Mitgehen. Das Abkommen wäre auch ohne Österreich zustande gekommen. Also wich das Nein einem stillen Akzeptieren – auch um innerhalb der EU nicht an politischem Einfluss zu gewinnen.

Was jetzt noch offen ist

In Kraft ist Mercosur noch nicht. Das Europäische Parlament muss zustimmen, nationale Parlamente können das Abkommen verzögern oder stoppen. Politisch ist die Richtung jedoch klar: Der grundlegende Richtungsentscheid ist gefallen. Dass Österreich doch noch ausschert, darf bezweifelt werden.

Für viele Bauern ist das ein schlechtes Signal. Für die EU-Handelspolitik hingegen ein Befreiungsschlag. Und für Österreich ein klassisches Beispiel dafür, wie nationale Vorbehalte in der europäischen Machtlogik verpuffen.

(red)

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