Fähren belasten Hafenstädte stärker als Autos
Fähren emittieren insbesondere Schwefeloxide und Feinstaub, die tief in die Lunge gelangen und Atemwegs- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen.
Ein aktueller Bericht der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) zeigt, dass Fähren in zahlreichen europäischen Hafenstädten mehr Luftschadstoffe verursachen als Pkw-Flotten vor Ort. Die Analyse legt den Fokus auf Emissionen, die direkt in der Nähe von Häfen entstehen – ein Bereich, der bislang in der öffentlichen Diskussion wenig Beachtung gefunden hat.
Toxische Luftbelastung
Laut dem T&E-Bericht emittierten die im Jahr 2023 untersuchten 1.043 Fähren in Europa insgesamt 13,4 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO₂). Das entspricht in etwa den Emissionen von 6,6 Millionen Autos über ein Jahr. Noch deutlicher ist das Bild bei Schwefeloxiden (SOx): In Hafenstädten wie Barcelona, Dublin oder Neapel setzen Fähren mehr dieser gesundheitsschädlichen Gase frei als alle dort registrierten Autos zusammen. Schwefeloxide entstehen bei der Verbrennung schwefelhaltiger Schwerölkraftstoffe und tragen zur Bildung feiner Partikel bei, die tief in die Lunge gelangen und gesundheitliche Risiken wie Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen können. Besonders dicht bewohnte Gebiete rund um große Häfen sind davon betroffen.
Alternde Flotten und kurze Routen
Ein zentraler Grund für die hohe Belastung ist die Zusammensetzung der europäischen Fährflotte: Die Schiffe sind im Durchschnitt über 25 Jahre alt und nutzen nach wie vor fossile Schwerölkraftstoffe. Viele Fähren verbringen zudem den Großteil ihrer Zeit in einer Entfernung von weniger als fünf Seemeilen von den Hafenstädten, was die lokale Belastung besonders hoch macht. Die festen Routen und relativ kurzen Überfahrten bieten nach Ansicht der T&E zugleich eine Chance, diese Flotten schneller zu modernisieren. Im Vergleich zu großen Ozeanschiffen sei die Elektrifizierung von Fähren technisch leichter umsetzbar.
Chancen durch Elektrifizierung
Der Bericht zeigt, dass mehr als die Hälfte der europäischen Fähren bis zum Jahr 2035 auf batterieelektrischen Antrieb umgestellt werden könnten. Für etwa 20 Prozent der Schiffe wäre dieser Wechsel nach Einschätzung der Analysten sogar schon ab 2025 wirtschaftlich konkurrenzfähig gegenüber konventionellen Antrieben. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur in Häfen wird dabei als entscheidender Faktor gesehen. Die meisten Häfen bräuchten nur kleinere Ladeleistungen, um elektrische Fähren zu versorgen. Doch bislang fehlt es vielerorts an entsprechenden Investitionen und Abstimmung zwischen Hafenbetreibern und Schiffsbetreibern.
Politische und technische Hürden
Trotz klarer Vorteile hemmen infrastrukturelle Defizite und wirtschaftliche Unsicherheiten den schnellen Umbau. EU-weite Vorgaben sehen vor, dass bis zum Jahr 2030 Schiffe im Hafen an Landstrom angeschlossen werden sollen, doch viele Häfen sind diesem Ziel noch weit entfernt. Nur rund ein Fünftel der benötigten Anschlussstellen sei bislang installiert oder vertraglich gesichert, zeigt eine ergänzende Studie. Umwelt- und Gesundheitsexperten fordern daher beschleunigte Investitionen, strengere Emissionsstandards für Schiffe und eine engere Zusammenarbeit zwischen Städten, Hafenbetreibern und der Schifffahrtsbranche. Sie argumentieren, dass eine Elektrifizierung der Fährflotten nicht nur die Luftqualität verbessern, sondern auch langfristig Betriebskosten senken könne.
(PA/red)