Gletschertourismus setzt Ökosysteme unter Druck

Rund 14 Millionen Touristinnen und Touristen reisen jährlich zu Gletschern und setzen die sensiblen Naturräume zusätzlichem Druck aus.

16.02.2026 9:50
red04
© Adobe Stock
Viele Reisende wollen eine Landschaft sehen, die als bedroht gilt – möglichst noch, bevor sie sich stark verändert oder verschwindet.

Kaum eine Landschaft wirkt so monumental und zugleich so verletzlich wie ein Gletscher. Über Kilometer ziehen sich mächtige Eisströme durch Gebirge und Polarregionen und üben auf viele Menschen eine besondere Faszination aus. Immer mehr Reisende möchten diese Naturphänomene aus unmittelbarer Nähe erleben – der Gletschertourismus nimmt weltweit zu. Welche Folgen das für die sensiblen Ökosysteme hat, untersuchten Forschende der Universität Lausanne und der Rice University.

Millionen Gäste in sensiblen Regionen

Nach Angaben der Forschenden unternehmen weltweit mehr als 14 Millionen Menschen pro Jahr Touren zu Gletschern. Die unmittelbare Nähe zu den gewaltigen Eismassen sei für viele ein eindrucksvolles Erlebnis. Gletscher seien einzigartige Naturphänomene, die sich bewegen, Geräusche erzeugen und zum Nachdenken anregen, schreibt die Anthropologin Cymene Howe von der Rice University. Die wachsende Zahl von Besuchern führt jedoch zu zusätzlichen Belastungen für ohnehin fragile Lebensräume. Gletscherregionen reagieren besonders sensibel auf Eingriffe und Veränderungen.

Paradox des „letzten Blicks“

Der Geograf Emmanuel Salim von der Universität Lausanne beschreibt ein grundlegendes Spannungsfeld: Viele Reisende wollten eine Landschaft sehen, die als bedroht gilt – möglichst noch, bevor sie sich stark verändert oder verschwindet. Gleichzeitig trügen sie mit ihrer Anreise und den touristischen Aktivitäten zur weiteren Umweltbelastung bei. So würden etwa Helikopterflüge zu abgelegenen Eisfeldern angeboten, die mit entsprechenden CO₂-Emissionen verbunden seien. Auch der Ausbau von Wegen und Infrastruktur in Gletschergebieten verändere die Natur vor Ort.

Ungleiche Verteilung der Einnahmen

Nach Einschätzung der Forschenden profitiert die lokale Bevölkerung in Regionen wie Alaska oder Grönland häufig nur begrenzt vom Andrang der Gäste. Ein großer Teil der Einnahmen verbleibe bei Reise- und Tourveranstaltern. Zudem erhielten viele Besucher nur wenig Einblick in die Lebensrealitäten und Sorgen der Menschen vor Ort. Salim weist darauf hin, dass Touristen vielfach zum nächsten populären Ziel weiterzögen, sobald die Gletscher nicht mehr als Attraktion dienten.

Forderung nach genauerer Analyse

Die Autoren der Studie plädieren dafür, die Auswirkungen des Gletschertourismus auf Ökosysteme systematischer zu untersuchen. Gleichzeitig sprechen sie sich für eine stärkere Beteiligung der lokalen Bevölkerung an den wirtschaftlichen Erträgen aus. Darüber hinaus sei es notwendig, das Umweltbewusstsein der Reisenden zu fördern, um die sensiblen Regionen langfristig besser zu schützen.

(APA/red)

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