Defizite beim Hochlauf der CO₂-Entnahme
Die weltweite CO₂-Entnahme wächst, doch Finanzierungslücken, politische Unsicherheiten und fehlende Kapazitäten bremsen den Ausbau.
Die Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre (Carbon Dioxide Removal, CDR) gilt zunehmend als wichtiger Bestandteil internationaler Klimastrategien. Wissenschaftliche Szenarien zur Einhaltung der Klimaziele des Pariser Abkommens gehen davon aus, dass neben einer drastischen Senkung der Emissionen auch erhebliche Mengen bereits ausgestoßenen CO₂ wieder aus der Atmosphäre entfernt werden müssen. Die jüngste Ausgabe des internationalen Berichts „State of Carbon Dioxide Removal“ zeigt jedoch, dass die Entwicklung des Sektors bislang deutlich hinter den langfristigen Anforderungen zurückbleibt. Zwar wächst die Branche weiter, doch der Abstand zwischen den benötigten und den tatsächlich verfügbaren Kapazitäten bleibt groß.
Großteil der CO₂-Entnahme erfolgt über Wälder
Weltweit werden derzeit jährlich rund 2,2 Milliarden Tonnen CO₂ durch gezielte menschliche Maßnahmen aus der Atmosphäre entfernt. Der überwiegende Teil entfällt jedoch auf traditionelle Verfahren wie Aufforstung, Wiederbewaldung und die Bewirtschaftung von Wäldern. Technologische Ansätze – etwa die direkte Abscheidung von CO₂ aus der Luft (Direct Air Capture), die Herstellung von Pflanzenkohle (Biochar) oder Verfahren zur dauerhaften Speicherung von Kohlenstoff – spielen bislang nur eine vergleichsweise geringe Rolle. Ihr Anteil an den globalen Entnahmemengen liegt weiterhin im Promillebereich. Dennoch verzeichnen diese sogenannten „neuartigen“ CDR-Verfahren hohe Wachstumsraten.
Ausbau reicht nicht aus
Nach Einschätzung der Autoren des State-of-CDR-Berichts entwickelt sich der Markt zwar dynamisch, die Geschwindigkeit reicht jedoch nicht aus, um die langfristigen Klimaziele zu unterstützen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass die globale CO₂-Entnahme in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen muss. Die derzeitigen politischen Zusagen vieler Staaten decken lediglich einen Teil des Bedarfs ab. Gleichzeitig steigen die weltweiten Treibhausgasemissionen weiterhin, wodurch sich die erforderlichen Entnahmemengen zusätzlich erhöhen. Experten bezeichnen insbesondere die kommenden fünf Jahre als entscheidend. In diesem Zeitraum müsse sich zeigen, ob technologische Verfahren den Übergang von Pilotprojekten zu großtechnischen Anwendungen schaffen können.
Finanzierung bleibt zentrale Herausforderung
Trotz anhaltender Investitionen sehen Branchenbeobachter erhebliche Finanzierungsprobleme. Laut dem aktuellen Bericht fließt inzwischen rund drei Prozent der weltweiten Climate-Tech-Finanzierung in den Bereich CO₂-Entnahme. Dennoch bleibt die Finanzierung vieler Projekte unsicher. Ein wesentlicher Grund liegt in der Struktur des Marktes. Viele Technologien befinden sich zwischen Forschungsphase und kommerziellem Betrieb. Für klassische Risikokapitalgeber sind zahlreiche Projekte bereits zu kapitalintensiv, während Banken häufig noch nicht ausreichend abgesicherte Geschäftsmodelle erkennen. Experten sprechen von einer Finanzierungslücke zwischen Entwicklung und Marktreife. Hinzu kommt, dass zahlreiche Vorhaben weiterhin auf staatliche Förderprogramme oder einzelne Großinvestoren angewiesen sind. Die Branche gilt daher als anfällig gegenüber politischen und wirtschaftlichen Veränderungen.
Wenige Käufer dominieren den Markt
Ein weiteres Problem ist die starke Konzentration auf wenige Abnehmer von CO₂-Entnahmezertifikaten. Der freiwillige Markt für CO₂-Entnahme wird derzeit von einer kleinen Zahl großer Unternehmen geprägt. Nach Angaben des State-of-CDR-Berichts stammt ein erheblicher Teil der Nachfrage von einzelnen Technologiekonzernen. Diese Konzentration wird von den Autoren als strukturelles Risiko bewertet. Sollte die Nachfrage dieser Unternehmen zurückgehen, könnte dies erhebliche Auswirkungen auf den gesamten Markt haben.
Politische Rahmenbedingungen unzureichend
Branchenvertreter sehen zudem Defizite bei den politischen Rahmenbedingungen. Viele Staaten haben bislang keine verbindlichen Ziele für die CO₂-Entnahme formuliert. Dadurch fehlen langfristige Signale für Investoren und Projektentwickler. Analysten betonen, dass klare Regulierungen, einheitliche Standards zur Messung und Überprüfung von CO₂-Entnahmen sowie langfristige Fördermechanismen notwendig seien, um größere Investitionen auszulösen. Unsicherheiten in der Klimapolitik gelten derzeit als eines der größten Investitionshemmnisse.
Zwischen Hoffnung und Skepsis
Die CO₂-Entnahmebranche befindet sich damit in einer Phase zwischen Aufbruch und Unsicherheit. Einerseits entstehen neue Technologien, Forschungsaktivitäten und Geschäftsmodelle. Andererseits bestehen weiterhin erhebliche Zweifel, ob die erforderlichen Größenordnungen rechtzeitig erreicht werden können. Der aktuelle State-of-CDR-Bericht kommt zu dem Schluss, dass CO₂-Entnahme zwar kein Ersatz für eine schnelle Reduzierung von Emissionen sein kann, langfristig jedoch als ergänzendes Instrument benötigt wird. Ob sich daraus ein globaler Milliardenmarkt entwickelt, hängt maßgeblich von technologischen Fortschritten, politischer Unterstützung und der Verfügbarkeit von Kapital in den kommenden Jahren ab.
(red)